Bemerkung

Hofkirche und Rathaus in Neuburg an der Donau

* Vom seinerzeitigen Herausgeber der Zeitschrift im Vorwort irrtümlich als Dissertation bezeichnet.
Die auf früheren Forschungen aufbauende und auf jahrelangem weiterem Quellenstudium beruhende Arbeit ist auf Grund einer eher zufälligen Konstellation zum Angelpunkt einer sfortuna critica geworden, denn sie berührt am Rande auch die Frühzeit des Augsburger Baumeisters Elias Holl.
Die Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts im Vorfeld der Holl-Ausstellung in Augsburg begonnene Debatte um divergierende Quelleninterpretationen wurde damals leider nicht zu Ende geführt. Nicht zuletzt lag das an einer Polemik, die ein in München aufstrebender Historiker aus Augsburg 1983 vom Zaun gebrochen hat. Diese enthielt eine an ein Detail meiner Arbeit geknüpfte Verleumdung. Das wäre wohl weiter mit Stillschweigen zu übergehen gewesen, es hätte auf sich beruhen können, wenn jener Historiker seine dumme Unterstellung nicht sechzehn Jahre später (1999) noch harscher wiederholt hätte. Anlass seiner Polemik war moralische Entrüstung - echt oder gespielt - und seine Interpretation eines vermeintlich sein (Vor)-Urteil bestätigenden Satzes in einer Eingabe des Baumeisters Elias Holl an die Augsburger Bauherren. Diese seine Interpretation folgte einem traditionellen Muster, war kurzschlüssig und von keinerlei Kenntnis des Baubetriebes in der frühen Neuzeit getrübt. Der Augsburger Historiker glaubte damals (und glaubt es vermutlich auch jetzt noch), sich über eine in meiner Arbeit entdeckte, unverschämze Quellenmanipulation entrüsten zu müssen. Diese seine Entdeckung veranlasste ihn zu einem hocheloquenten Aufsatz. Er fühlte sich offenbar verpflichtet, auf eine schier unglaubliche Unterschlagung aufmerksam zu machen und diese gute Tat geriet ihm - vermutlich unversehens und sogar wohlmeinend - zur Diffamierung jenseits von Argument und Diskurs. Die Diagnose Quellenmanipulation bzw. -unterschlagung wiegt in der Wissenschaft wohl schwer und kann vernichtend sein; im zivilen Leben hätte eine solche diffamatorische Attacke Anlass einer Verleumdungsklage sein müssen. In der Wissenschaft jedoch ist so etwas nicht üblich und ich hoffe, dass der Verleumder das nicht einkalkuliert hat. Sie hat meinen Berufsweg nicht beeinträchtigt, meine wissenschaftliche Reputation jedoch merklich beschädigt. - "Nicht die Lüge ist [indessen] der größere Feind der Wahrheit, sondern der Irrtum" (Rainer Hamm). Die Lüge habe ich mir nicht zu Schulden kommen lassen und der Irrtum liegt auf der Seite des Denunzianten. Ich kann mit dem - zwar lästigen - Image des Lügners und Betrügers leben, weil ich weiß, wie es zustandekam und dass der "Entlarver" sich weitab von jeder wissenschaftlichen Methodik und Gepflogenheit aufgestellt hat: Er hat zu diesem Zweck das Teilzitat einer Quelle in einer Anmerkung zur "Quellenedition" erhoben und alle anderen nicht mit seiner Vorstellung übereinstimmenden Indizien und Argumente mit einem Arsenal von "Totschlagsargumenten" hinweggewischt: Eine Grabschrift z.B.als bloße Panegyrik, bar jeder sachlichen Aussage, andere Quellen-Aussagen seien durch Überinterpretation verfälscht worden und insgesamt hätte ich durchsichtiger Weise stets pro domo (d.h. zum Vorteil des vertretenen Namens) argumentiert. Er hat dabei aber übersehen, dass solche Kritik, wenn schon, dann ihn selbst treffen musste, weil er selbst nur pro domo, d.h. im Einklang mit seinen Vorstellungen geschrieben hat, dass er Äußerungen der älteren kunsthistorischen Literatur nur erwähnt bzw. zitiert, wenn sie seine eigenen Vorurteile zu bestätigen schienen. Eine andere, wesentliche Aussage jener Holl-Quelle (die er nun in extenso "ediert") hat er unerwähnt gelassen, d.h. sie nicht in seine Interpretation einbezogen. Mit anderen Worten: Seine Polemik war hochgradig ideologisch kontaminiert.

Es werden daran aber verschiedene Methoden im Umgang mit Quellen, sogar mit Primärquellen deutlich. Zugespitzt wären sie so zu charakterisieren: Entweder man sucht aus den Quellen nur zusammen, was ein bestehendes Geschichtsbild stützt und zu bestätigen scheint und hält dies dann für erwiesen - oder man versucht, unabhängig von bestehenden Geschichtsbildern aus den Quellen und ihren Kontexten erst eines zu gewinnen, das bestehende Bilder dann auch in Frage stellen kann, u.U. zunächst in Gestalt einer Hypothese. Im vorliegenden Fall hat mich das Ergebnis des Quellenstudiums selbst überrascht; ich hatte es weder vorhergesehen noch habe ich es absichtlich durch interpretatorische Winkelzüge herbeigeführt. Im Unterschied solcher methodischen Vorgehensweisen liegt also die eigentliche Differenz.

Für seine wenig später publizierte Holl-Monographie hat der Historiker dann noch eine Unmenge von Quellen im Stadtarchiv Augsburg gesichtet und erwähnt. Soweit es die Künstlerfrage betrifft hat er daraus aber keine neuen Erkenntnise geschöpft. Dabei wäre zu erwarten gwesen, dass er auch den Verbleib eines vermissten, wichtigen Quellenbestandes erforscht und aufgeklärt hätte. Offenbar hat er danach aber gar nicht gesucht und sich mit den vagen Auskünften des Stadtarchivs begnügt. 1983 hat er den Verlust jener "Acta, das Baumeisteramt betreffend" nur pflichtschuldigst bedauert, aus denen letzmals 1937/38 - leider unzureichend - zitiert worden war. Auf meine eigenen zahllosen Bestellungen dieses Bestandes gab es immer nur ungenaue Bescheide wie "nicht gefunden", nicht zu finden", "nicht am Platz", "nicht vorhanden", "Kriegsverlust", "vielleicht Kriegsverlust"; zu Gesicht bekam ich ihn nie. Der Augsburger Historiker mit seinen guten Beziehungen zum Stadtarchiv wäre sicherlich der einzige gewesen, der dies hätte definitiv aufklären können. Dass er es nicht getan hat, erlaubt den Verdacht, ihm sei die Erforschung der historischen Wirklichkeit zumindest damals nicht unbedingtes Anliegen gewesen.
In einer neu geschriebenen, volkstümlichen Kurzfassung seiner Holl-Monographie (2004) kann der Historker zumindest beiläufig melden, dass die fraglichen "Acta" im Stadtarchiv Augsburg "wieder aufgefunden" worden seien. Wenn in diesem Bestand keine Verluste eingetreten sind, können wohl tatsächlich "wichtige Hinweise" daraus zu entnehmen sein. Den angesehenen, fleißig schreibenden Historiker, den "Mittler zwischen Geschichte und Kunstgeschichte" beunruhigt das alles nicht erkennbar. Er scheint allerdings seine Auffassung vom möglichen Anteil anderer Künstler am Frühwerk Holls nun geringfügig modifiziert zu haben. Seine alte, zentrale Vorstellung hat er nun subtil aber aufschlussreich, wenn auch unpräzise verändert wiederholt: "Holl musste die Bauten vom ersten Entwurf … bis zum Abschluss der Arbeiten betreuen." Er mag sich auch jetzt noch nicht mit der Tatsache anfreunden, daß der "fremde Maler" Heintz auch "Architekt" - allerdings anderer Vorbildung - gewesen ist und wie Holl auch Augsburger Bürger war, was jedoch um 1600 nicht besonders wichtig gewesen ist; dass er auch nicht nur ein "guter Kenner oberitalienischer Architektur" war, was der Historiker immerhin zugestehen mag, sondern während seines nahezu elfjährigen Aufenthalts in Rom, Venedig und vermutlich auch in Oberitalien zweifellos mehr an italienischer Architektur hat studieren können als Holl während seines knapp zwei Monate währenden Venedig-Aufenthalts (ca. 28.11.1600-ca. 20.01.1602), glaubt er offenbar noch immer nicht. Im vorletzten Abschnitt seiner an Widersprüchen reichen neuen Veröffentlichung räumt er dann jedoch den Einfluss anderer Künstler, auch des Joseph Heintz, auf die Holl-Bauten ein. Eine späte Erkenntnis allerdings. "Wechselseitige Erhellung?" hieß das Motto einer Sektion von Historikern und Kunsthistorikern beim Hamburger Kunsthistorikertag 2001 - das Fragezeichen gehörte damals schon zur Überschrift. - Man wäre versucht, es nun durch ein Ausrufungszeichen zu ersetzen, wenn die hier skizzierten Vorgänge dem nicht entgegenstünden. Der Historiker kann beruhigender Weise immer darauf verweisen, daß es leider keine moderne Holl-Darstellung aus kunsthistorischer Sicht gebe; frühere kunsthistorische Erkenntnisse hat er jedoch entweder nicht wahrgenommen oder, wenn er sie schon wahrgenommen hat, dann nur in dem Umfang, in dem sie sein Vorurteil stützten. Der volkstümliche Charakter seines neuen Holl-Buches enthebt ihn nun weiterhin jeder wissenschaftlichen Argumentation; er braucht keine u.U. konträren "Ergebnisse" zu diskutieren und muß auch nicht sagen, worauf nun seine neuere, vor allem im vorletzten Abschnitt "Ein Künstler?" dargelegte Sicht beruht. Die Hauptsache ist nach wie vor: er hat das letzte Wort. Schon lange bekannte Tatsachen, die er jedoch zeitnah nie zur Kenntnis genommen hat, bekommen damit nun grosso modo auch noch die höhere Weihe durch das - taktisch geschickt - skeptisch vorgetragene Placet des Augsburger Historikers, der solche Überlegungen, wie sie hier angestellt werden, vermutlich als "akademische Flausen" betrachtet und diese hat er schon immer vermeiden wollen.
Zufälligerweise ist einige Monate vor der populären Neubearbeitung der Holl-Monographie (2004) ein aus einem Leipziger Seminar hervorgegangener Sammelband mit dem Titel "Die Baumeister der ‚Deutschen Renaissance - Ein Mythos der Kunstgeschichte?" erschienen. Darin wird auch die Holl-Problematik wieder aufgerollt, d.h. eine Bilanz von außen gezogen und drei "Modelle" von Forschungsansätzen bzw. -ergebnissen gegeneinander abgewogen. Deutliche Präferenz gehört darin dem Modell "Kollektiv", welches der Historiker aus Augsburg eingeführt habe. Hätte man jedoch die hier - in dem Neuburg-Beitrag (1971) - veröffentlichten Quellen und jene zu Haunsheim (veröffentlicht 1988) noch einmal angesehen, wäre von selbst klar geworden, dass sich innerhalb der damaligen Entscheidungsstrukturen kein wie auch immer geartetes Architektengenie hätte durchsetzen können. Der Architekt war nicht in erster Linie ein Künstler. Die Vorstellung, es wäre doch so gewesen, orientiert sich u.a. vermutlich am modernen (Selbst)Bild vom Architekten als umfassendem Beglücker der Gesellschaft. Dass solche Erkenntnis aus den gedruckten Quellen (s. den "Quellenanhang") gezogen würde ohne dass diese Tatsachen noch einmal umständlich dargestellt werden müssten, hatte ich allerdings gehofft. Meine wirklichen Quelleneditionen haben den Zweck, die daraus gezogenen Schlüsse jederzeit überprüfbar zu machen, aber auch darüber hinaus gehende, allgemeinere Folgerungen zu ermöglichen. Anscheinend ist der gegenwärtigen Forschung sogar die Lektüre gedruckt vorliegender Quellen noch zu mühsam. - Der jüngst als begonnen annoncierten Augsburger Dissertation über das Werk Elias Holls (mit Werkkatalog) ist also mit gespanntem Interesse entgegenzusehen.
Es scheint auch, dass die Frage nach der Bauplanung in der frühen Neuzeit als solche stehen blieb, obwohl sie weiterhin auf Interesse stoßen dürfte.1993 folgte ich einer Aufforderung des Centro Internazionale di Studi di Architettura Andrea Palladio in Vicenza, Fragen der Bauplanung im 16. und 17. Jahrhundert in den deutschsprachigen Ländern zu erörtern. Die damalige Vorlesung ist zwar etwas unglücklich verlaufen, sie behandelte aber die in den Seminaren jetzt wieder diskutierten Fragen. Aus diesem Grunde gebe ich das damals unveröffentlichte, zur Veröffentlichung auch nicht bestimmte Manuskript von 1993 mit allen seinen Unzulänglichkeiten in deutscher und italienischer Sprache (Fußnoten) hier gerne zur Kenntnis (***) - aus den darin genannten Quellen können vielleicht noch Anregungen gewonnen werden.

Wenn aus diesen z.T. kontrovers geführten Diskussionen um die Bauplanung in der frühen Neuzeit Konsequenzen für künftige Forschungsansätze gezogen werden sollen, müßte es heißen:
Die Kunstgeschichte allein, d.h. wenn ihr die notwendige Kompetenz in den historischen Disziplinen mangelt, ist überfordert, wenn sie bestimmte Sachverhalte, die sie angehen, zu klären beabsichtigt. Sie muß mit der Geschichtswissenschaft, insbesondere in den historischen Hilfswissenschaften vertrauensvoll zusammenarbeiten können. Für die Geschichtswissenschaft gilt das gleiche; sie muss die kunsthistorischen Kriterien (in ihren Grenzen) ernstnehmen.
Sollen nun die vielfältigen Erkenntnisse in eine prozessbestimmte Methodik umgemünzt werden, wären, je nach Quellenlage, zuerst einige Strukturen zu klären, bevor es um die wichtige Frage geht, wer Lage, Form und Bedeutung von Bauwerken verantwortet hat, d.h. wem letztlich deren u.U. kunstvolle und aussagefähige Gestalt zu verdanken ist. Den Quellen verschiedener Gattungen in einer diesen Strukturen entsprechenden Hierarchie kommt die wichtigste Bedeutung zu; sie sind kritisch zu gewichten und für sich sowie in ihrem Kontext zu interpretieren. Zuerst sollten die jeweiligen Verwaltungsstrukturen und Entscheidungswege für Vorhaben des fraglichen Gemeinwesens (Reich, Fürstentum, Reichsstadt, abhängige Kommune, Adel, geistliche Herrschaften usw.) geklärt und die Entscheidungsträger auf allen Ebenen mit ihren jeweiligen Kompetenzen namhaft gemacht werden. Für ein kleineres Fürstentum um 1600 ist die Struktur aus der vorliegenden Studie zu entnehmen, möglicherweise aber durch zu viele Details verunkärt. Für einen Adelssitz in derselben Zeit geben die 1988 veröffentlichten Quellen zu den Bauvorgängen in Haunsheim wichtige Anhaltspunkte. Auch für die Reichsstadt Augsburg ist das mittlerweile möglich, jedoch noch nicht in der notwendigen Klarheit erfolgt.
Auch wenn aus den Quellen ein tatsächlich maßgebender "Künstler" ermittelt werden kann, ist es fast immer die Regel, dass dessen Vorschläge nicht Eins zu Eins verwirklicht worden sind, sondern dass sie Veränderungen aufgrund verschiedener anderer Prämissen unterworfen waren; dies sind Finanzlage, Vorstellungen von Beratern des obersten Entscheidungsträgers, insbesondere derjenigen, die als "Bauverständige" galten - ob sie dies nun waren oder nicht, sie hatten jedenfalls Gelegenheit, eigene Interessen zu formulieren -, Leistungsfähigkeit der lokalen Handwerkerschaft usw. usw.). Die "Bauverständigen" im 16./17. Jahrhundert waren in der Regel Fachleute für den Festungsbau und Ingenieure und keine Künstler. Auch hierfür können die Neuburger Vorgänge hinsichtlich Planung und Ausführung Hinweise geben.

Aus den Reaktionen auf diese und andere Veröffentlichungen kann man folgende Schlüsse ziehen:

1. Ohne die Verdienste der "Heimatforschung", die unzählige wesentliche Fakten für die Kunstgeschichte zu Tage gefördert hat - welche von der Kunstgeschichte ihrerseits oft nur ungenügend rezipiert werden - auch nur im Geringsten zu schmälern, ist zu bemerken, dass die Heimatkunde dazu neigt, mit allen Mitteln den Glanz ihrer Heroen zu bewahren - auch wenn deren Nimbus nur scheinbar einer Trübung ausgesetzt sein sollte. Im vorliegenden Fall erfüllt Holl das Ideal eines aus dem schlichten Handwerkerstand hervorgegangenen, lokalen Genies - eine Vorstellung, die früheren Jahrhunderten entstammt.

2. Kommt ein "Fremder", d.h. ein nicht dem betreffenden Heimatbereich Angehörender daher und versucht - vermeintlich - den Glanz eines solchen Idols zu trüben, wird dies bekämpft, mitunter auf subtile Weise.

3. Es entsteht immer ein Schaden für die Rekonstruktion historischer Verhältnisse, wenn deren Aufklärung nicht Selbstzweck ist, sondern lediglich zur Affirmation vorgegebener Ansichten und Meinungen dient: "Der Historiker ... darf nicht sein beschränktes Vorstellungsvermögen an die Stelle von Tatsachen treten lassen, sondern er muß die richtigen Tatschen [ermitteln und] darstellen" (Gustav Seibt in: Die Zeit. 2001 Nr. 36 v. 30.08. S. 39),