Bemerkung

Vom Tod des Orpheus.

* Unter dem metaphorischen Titel dieser Studie geht es um einen Versager, wie die Meisten wohl urteilen würden. Ob solches schnell gefasste Urteil über den Berliner Maler Auguste Paul Émile Mila (1798-um 1862/63) jedoch zuträfe und ob es ein gerechtes Urteil wäre, ist bei weitem nicht ausgemacht.
Das schmale Buch nimmt Milas Hauptwerk, den 1827 gemalten und heute nicht mehr vorhandenen "Antikenfries" im Berliner Stadtpalais des Prinzen Karl von Preußen (1933-1945 Reichspropagandaministerium) zum Anlass, auch biographische Hintergründe zu berichten und damit zugleich Fragen eher aufzuwerfen als sie, vielleicht vorschnell, auch schon zu beantworten.
Der oft selbst- und geschichtsvergessenen Stadt Berlin ist mit den mehr als sechzig Jahre alten Farbfotos des Antikenfrieses, aufgenommen kurz vor seiner Vernichtung 1945, ein höchst bedeutendes Denkmal ihrer klassizistischen Kultur zurückgegeben - sie wird es nicht bemerken. Das (Kunst-)Geschichtsbild Berlins in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bliebe aber ohne die geschilderte Geschichte unvollständig, auch das wird vermutlich kaum jemandem auffallen, denn es gilt auch in der "historischen Kunst" nur der unbezweifelbar Bedeutende, der Berühmte, das Spektakuläre, Einmalige und Große, möglichst Legendäre und Ikonenhafte, wie immer die Epitheta auch lauten mögen - oder das je nach Interessenlage dazu Erklärte, jedenfalls dasjenige, zu dem die Touristenscharen pilgern können und sollen. - Im vorliegenden Fall konnten sie es nie und können es jetzt auch nicht. Dieser Maler hat so in unserer Zeit einmal mehr Pech gehabt.
Unter solchen Voraussetzungen wäre es konsequent, nach einer adäquaten Motivation zur Vermarktung auch dieser Studie zu suchen, die vielleicht sogar einiges Potenzial dazu enthielte. Das aber widerstrebt dem Kunsthistoriker herkömmlicher Art, weil der Protagonist der Studie nun mal kein Superstar war, auch nicht zu einem solchen erklärt werden kann. Er war ein annähernd normaler, gleichwohl begabter, aber zurückhaltender "Kunstproduzent" mit einem besonderen Schicksal, das ihn dezidiert zum Gegenbild auch nur eines "Stars" werden ließ; darin mag aber gerade das Potenzial bestehen.

Das Angebot der Arbeit an "einschlägige" Verlage zur Publikation konnte deren Interesse nicht wecken; es wanderte, ohne Selbstfinanzierung vermutlich als Zumutung angesehen, schlicht unbeantwortet in den Papierkorb.
So habe ich im Juni 2006 Text und Bilder in einem einzigen Exemplar als Manuskript gedruckt, den Druck der Kunstbibliothek - Staatliche Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz übereignet und damit der Öffentlichkeit zugänglich deponiert. Wenn also jemand Interesse daran haben sollte, möge er in die Kunstbibliothek gehen, "Rara" bekommt man dort schon am Tage ihrer Bestellung vorgelegt.
Auf Anforderung habe ich im November 2006 ein zweites (durchgesehenes, d.h. geringfügig verändertes) Exemplar für das Projekt Berliner Klassik bei der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gedruckt; es betrifft zweifellos die Spätphase dieser "Klassik". Da jeder Druck auf diese Art mit etwa 50 zu Buche schlägt, wird es dabei bleiben.

Die Arbeit befasst sich mit jedem einzelnen der zweiunddreißig Bilder des Antikenfrieses, deutet es und weist seine ikonographischen Quellen nach, sie enthält die knappe Biographie des Malers Paul Mila, ein Verzeichnis seiner Bildnisse, ein solches (provisorischer Art) seiner bisher nachgewiesenen Werke und ein Quellen- und Literaturverzeichnis - also alles, was man von der Monographie eines unbekannten, schon vor fast hundertundfünfzig Jahren gestorbenen Künstlers als Ergebnis einer ersten Spurensuche erwarten kann.
Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind die Werke Paul Milas entweder vernichtet oder verschollen, bei den meisten musste vermerkt werden: Verbleib unbekannt. Sogar von den beiden angeblich in öffentlichem Besitz befindlichen Werken (Stadtmuseum Berlin) war keine Vorstellung zu gewinnen, weil die verehrten Fachkollegen in dieser Kultureinrichtung nicht bereit oder dazu imstande waren, die Frage nach den Werken Milas innerhalb eines halben Jahres zu beantworten und/oder Fotos davon zur Verfügung zu stellen. Dabei wäre ein von Mila bearbeitetes Thema von besonderem Interesse: Guido Reni malt Beatrice Cenci im Gefängnis. Er hat es wenigstens zweimal gestaltet: auf Papier, angeblich im Stadtmuseum Berlin und auf Leinwand, ehemals Eigentum des Kunstvereins für Pommern in Stettin. - Aber der Versuch, die wiederholte Wahl gerade dieses Themas mit der Lebenserfahrung Paul Milas in Beziehung zu setzen, überschritte jedenfalls die Grenzen bloßer Kunstgeschichte.